Einleitung

"Alle Poesie nimmt ihren Ursprung aus der Sage. In der Sage aber sind die produktiven Seelenkräfte eines Volkes, Verstand, Phantasie und Gefühl, alle Blüte künftiger Bildung, wie ein Märchen, noch ungetrennt in einer gemeinsamen Knospe, wunderbar verhüllt und abgeschlossen. Die Sage wird, wie ein Naturprodukt, nicht erfunden, sie ist nur der innerliche Reflex der Erlebnisse eines Volkes, ihre Lapidarschrift sind die Taten dieses Volkes, welches sie poetisch nachträumt." Joseph Freiherr von Eichendorff, Dichter der Deutschen Romantik

Die Sagen unserer Heimat

Sagen, Legenden und Geschichten gehören zum alten Kulturgut einer Landschaft. Sie geben Einblick in das Leben, das Denken und Fühlen der Menschen, die dort lebten und lassen uns oft tiefer erkennen, was diese Menschen vergangener Jahrhunderte beschäftigte, als es die urkundlich fundierten Abhandlungen der Historiker tun. Zum Teil stammt das Erzählgut noch aus vorchristlicher Zeit und wurde später mit christlichem Gedankengut überlagert. Vielfach lässt es erkennen, wie christliches Denken im Bewusstsein des einfachen Volkes mit der Folklore verschmilzt. Von Generation zu Generation wurden bestimmte Begebenheiten mündlich weitergegeben, meist phantastisch ausgeschmückt. Trotzdem entbehren diese Erzählungen fast nie eines geschichtlichen Kerns. In vielen Beziehungen geben sie Einblick in die Lebensweisen und sozialen Verhältnisse vergangener Epochen und lassen erkennen, wo die Nöte des Volkes langen und wohin seine Sehnsüchte gingen. Fast immer sind die meist mündlich weitergegebenen Sagen an bestimmte Örtlichkeiten, Personen und Ereignisse geknüpft. Allerdings gibt es eine Reihe von Sagen, deren Inhalt in mehr oder weniger abgeänderter Form in vielen Landstrichen erzählt wird. Dies ist begründet durch die historische Entwicklung der Völker und Stämme, die in ihrer mittleren und älteren Geschichte viele motivlich ähnliche Sagen entstehen ließ. Meist kommen dabei soziale Spannungen zum Ausdruck, die geschichtlich bedingt sind und das Volk schwer belasteten. Oft wurden die erzählten Stoffe von einem Landstrich zum andern weitergetragen, wobei durchaus Umgestaltungen und Änderungen der erzählten Motive erfolgen konnten.

Nun gibt es neben den Sagen noch die Legenden. Als solche bezeichnet man alle Volksdichtungen, die sich mit dem Leben der Heiligen oder mit Episoden aus ihrem Leben oder mit sonstigen religiösen Inhalten beschäftigten. Oft sind in diesen Erzählungen Einflüsse wirksam, die aus dem Bereich der Sage stammen und die dem eigentlichen religiösen Gehalt vielfach seine Ernsthaftigkeit nehmen. Denn die eigentliche Legende will aus dem Leben der Heiligen erzählen. Anliegen dieser Geschichten war es zunächst, das Volk zu erbauen, zur Nachahmung aufzurufen oder es im Glauben zu stärken. Oft sollte die Legende auch die Herkunft eines Heiligenbildes (siehe Klüschen), die Entstehung einer Kirche oder Wallfahrt erklären oder an früher einmal vorhandene kultische Stätten erinnern. Es ist verständlich, dass durch die mündliche Weitergabe der Legenden historische Wahrheiten oft verfälscht wurden. Manche Inhalte wurden umgebildet oder mit anderen geschichtlichen Begebenheiten, auch aus dem Leben anderer Heiliger, in Zusammenhang gebracht. -

Auch das Eichsfeld ist reich an Sagen, Legenden und Geschichten, di ein den Dörfern erzählt wurden und die es wert sind, neu vorgestellt zu werden. Von einer Sagenliteratur des Eichsfeldes dagegen kann man kaum sprechen. Einige Sagen des Obereichsfeldes wurden erstmals 1845 von Carl Duval in seiner „Romantischen Beschreibung des Eichsfeldes“ (Sondershausen, 1845) veröffentlicht. Eine weiterreichende Sammlung erschien 1920 im Heiligenstädter Verlag F.W. Cordier unter dem Titel „Obereichsfeldischer Sagenschatz“, herausgegeben von Karl Wüstefeld. Diese Ausgabe erlebte 1924 eine Nachauflage. Seitdem erschienen, abgesehen von einzelnen Sagen, die sporadisch in den Heimatbeilagen der Tageszeitungen und in den „Eichsfelder Heimatheften“ abgedruckt wurden, keine weiteren Werke dieser Art. Zu erwähnen ist noch, dass in „Unser Eichsfeld – Zeitschrift des Vereins für eichsfeldische Heimatkunde“ (1906-1923, Verlag Cordier, Heiligenstadt) und in dem Heimatjahrbuch „Mein Eichsfeld“ (1925-1938, Verlag A. Mecke, Duderstadt) einzelne Sagen erschienen, die in den genannten Sammlungen noch wiedergegeben wurden. Die vorliegende Ausgabe stützt sich im Wesentlichen auf die genannten Werke. Allerdings konnten nach mündlicher Überlieferung einige Geschichten einbezogen werden, die gedruckt bisher nicht vorliegen. Alle wiedergegebenen Sagen wurden überarbeitet und dem heutigen Sprachgebrauch angepasst.

Rudolf Linge
(Auszug aus dem Nachwort seines Buches "Der Hahn auf dem Kirchturm", Heiligenstadt, 1978)

Anmerkung:
Der Großteil aller Auswahltexte, die in dieser Unterrubrik zu finden sind, wurden dem o.g. Werk entnommen. Hierbei schien eine Untergliederung in "Lengenfelder Sagen", "Sagen aus dem Südeichsfeld", "Sagen aus dem Gesamteichsfeld" und schließlich "Bechsteins Eichsfeld-Sagen" sinnvoll. Die Orthographie und die Interpunktion der Erstdrucke wurden für diese Internetpräsenz behutsam dem heutigen Sprachgebrauch angeglichen. Druckfehler wurden dagegen stillschweigend verbessert.