Überblick
Die heimatliche Literatur in Form von Prosa und Lyrik ist ein kulturhistorisches Zeugnis unserer Vorfahren und gehört zum kulturellen Erbe. Besonders die Sagen sind uraltes Volksgut und spiegeln die Lebensverhältnisse, Denkweisen, Empfindungen, Sehnsüchte und Hoffnungen wider, die die Menschen unserer Heimat bewegten. Sie vermitteln uns Sitten und Gebräuche, Not und Unterdrückung des einfachen Volkes.
Diese Rubrik bietet Ihnen ein reichhaltiges Archiv verschiedenster Texte und Autoren. Begeben Sie sich mit uns auf eine literarische Reise in die Vergangenheit ...
Vorwort
Zum Kulturgut einer Landschaft, so auch des Eichsfeldes, gehören die Sagen, mündlich überlieferte Begebenheiten, vielfach phantastisch ausgeschmückt, die darüber berichten, was früher alles geschehen ist. Ihnen haftet oft ein geschichtlicher Kern an; sie möchten über etwas Geschehenes berichten, Wirklichkeit widerspiegeln.
Handlungsschauplätze sind stets bestimmte Örtlichkeiten, so noch bestehende und bereits wüste Dörfer (z. B. Uder, Nesselröden, Rumerode, Wildungen), Städte (z. B. Duderstadt, Heiligenstadt), Burgen (z. B. Hanstein, Hasenburg), Klöster (z. B. Gerode, Teistungenburg), Berge (z. B. Sulberg, Sonnenstein), Seen (z. B. Seeburger See)und Quellen (z. B. Rhumequelle).
Aber Sagen sind und bleiben volksläufige Erzählungen, deren inhaltliche Aussagen letztlich der Phantasie entsprungen, damit unwahr sind, dargeboten jedoch als tatsächliches Geschehnis in Form eines einfachen Erlebnisberichtes, Auffassungen und Vorstellungen des einfachen Volkes in einer bestimmten Zeit dokumentierend. Gehen wir von den Aussagen, vom eigentlichen Inhalt vieler Sagen aus, erkennt man, dass es hier um die Deutung sonderbarer Ereignisse und Erlebnisse geht, die sich das Volk in vergangenen Jahrhunderten aufgrund mangelhafter Kenntnisse der Natur nicht natürlich erklären konnte. Deshalb wird beispielsweise die Entstehung des Felsgebildes (=Teufelskanzel) auf dem Höheberg als Werk des Teufels angesehen, der den gewaltigen Felsblock vom Brocken an diese Stelle transportiert haben soll. Andererseits schreibt man die Entstehung des "Brunen Bühl", dieses kegelförmigen Erdhügels, einem Riesen zu, der hier den Sand aus seinen Stiefeln schüttelte ("Riesenhügel"). Und es ist dies sogar dem St. Peter angelastet worden, diesem nachsagend, er habe den Kehrichtstaub des Himmels gerade über dem "Goldenen Tor" des Eichsfeldes entsorgt ("Himmelsberg").
Bei den Sagen von der Teufelskanzel und dem Riesenhügel handelt es sich um so genannte ätiologische Sagen. Hier wird versucht, nach Ursachen zu fahnden, etwas zu begründen, eine Antwort zu geben auf die Frage: Warum?
Andere Sagen verdanken ihre Entstehung einem historischen Ereignis beziehungsweise beziehen ein solches ein und dürfen als geschichtliche Sagen bezeichnet werden. So gedenkt man in Dingelstädt mit dem Steckenpferdreiten noch heute der Errettung der dortigen Kleinen Kirche während des Dreißigjährigen Krieges ("Die Dingelstädter Steckenpferdreiter") und verlegt die Zerstörung des Dorfes Wildungen ebenfalls in die Zeit dieses Krieges ("Die Zerstörung des Dorfes Wildungen"), obwohl der Ort bereits Ende des 16. Jahrhunderts wüst war. Die Zerstörung der Allerburg während des Bauernkrieges 1525 wird dagegen in der Sage einem Bruderzwist zugeschrieben ("Die Zerstörung der Allerburg"), und die "Uderschen Ossenritter" haben ihren Schulzen anlässlich des Aufenthaltes von König Friedrich I. Barbarossa in Heiligenstadt im Jahre 1153 zum Ritter schlagen lassen.
Eine Sage darf jedoch niemals als Geschichtsquelle angesehen werden. Sie ist bestenfalls Erinnerung des Volkes an seine Geschichte, denn es werden lediglich über einen längeren Zeitraum hinweg mündlich weitergetragene Erinnerungen an lokale geschichtliche Ereignisse geknüpft.
Breiten Raum nehmen die Sagen ein, die über missglückte Schatzhebungen ("Der Schatz in Lerne"), über die Auffindung, das Bergen und Hüten von Schätzen berichten ("Der gehobene Schatz aus der Walkemühle", "Der schwarze Hund"). Der Sohn einer armen Witwe gelangt in den Besitz von Schätzen, die noch im Innern der Burg Hanstein verborgen waren ("Der Schatz in der Burg Hanstein"), und die drei Rossäpfel aus der Klingenburg sowie der Pferdedreck in der Stube einer kinderreichen Witwe verwandeln sich ebenso wie die Flachsknutten aus dem Nonnenholz in pures Gold ("Der Brautschatz aus der Klingenburg", "Der Schatz in der Stube zu Desingerode", "Im Nonnenholz").
Auf der Allerburg soll sogar im Winter eine so genannte Goldblume blühen, mit deren Hilfe man, wenn sie von einer reinen Jungfrau um die Mittagsstunde des Thomastages bei Sonnenschein gepflückt wird, den Berg öffnen und die dort noch verborgenen Schätze heben kann ("Die Goldblume auf der Anhöhe der Allerburg").
In diese Rubrik gehören ebenso die Sagen von versunkenen und schließlich auf wundersame Weise wieder gehobenen Glocken, von denen, da solche für zahlreiche Eichsfeldorte vorliegen (u. a. für Hilkerode, Desingerode, Bilshausen, Volsbach, Siegfriederode), hier nur eine als Beispiel zur Veranschaulichung Berücksichtigung findet ("Die große Glocke aus der Wüstung Pulkendorf").
Zu den angeblich geheimnisvollen, nach dem einstigen Stand der Wissenschaften nicht erklärbaren Kräften des Menschen zählen die Sagen von Hexen und Zauberern. Ein Kräutermann will ein von einem Wolf angefallenes Mädchen mit Hilfe von Mistel und Krötenherz behandeln, reißt einer gefangenen Feuerkröte das Herz heraus und murmelt: "Mistel grün und Kröte rot, bewahrt das Mägdlein vor dem Tod" ("Der Schampanjesmann").
Sagen haben überdies ihre Fäden weiterhin um menschenähnliche Gestalten gesponnen, zu denen wir die Riesen, Zwerge und Nixen zählen. Da erschießt ein Riese vom Sonnenstein aus auf das im heiligen Hain des Ohmgebirges weidende, mit einem Mistelkranz geschmückte Opferpferd Wodans ("Die Riesenfeste auf dem Sonnenstein"), der Hünenstein entgleitet einem Riesen, als er ihn in der Walpurgisnacht auf den Brocken schleudern will ("Der Hünenstein"). Zwerge fordern die ihnen aus einem zwischen Bodensee und Bilshausen stehenden Schlehenbusch gestohlenen Laken zurück ("Die weißen Laken") und mischen sich, mit Tarnkappen versehen, unter Hochzeitsgäste ("Die Ölpütte bei Nesselröden"). Ein Zwerg, der sich getarnt in einem Erbsenfeld zu schaffen gemacht hat, entschädigt den Besitzer mit einer Pferdekeule, die sich allerdings als reines Gold erweist ("Der Zwerg im Erbsenfeld"), und einem anderen Zwerg gelingt es, einer Mutter ein stummes, nicht mehr wachsendes Kind an Stelle ihres vierjährigen Sohnes unterzuschieben. Dieser kann nur wieder ausgetauscht werden, wenn die Mutter an einem Ostersonnabend einen großen Kofentkessel (Schwarzbierkessel) mit Hilfe einer Kiebitzeierschale bis zum Rand gefüllt hat ("Der Wechselbalg").
Herr des Rhumesprunges soll bekanntlich einmal derjenige werden, dem es gelingt, die Nixe Rhuma zu fangen, denn dieser, in eine Forelle verwandelt, verdankt die Rhume ihren Namen ("Rhuma, Statthalterin des Rhumesprunges", "Die Nixe Rhuma und der Riese Romar").
Viele Sagen berichten von Räubern und deren Untaten, so von Hechts Aden, den der Schmied zu Effelder mit seinem schweren Schmiedehammer erschlägt ("Hechts Aden und Bratsch Nickel"), vom Räuber Urban, der sich jahrelang auf dem Sonnenstein versteckt hält ("Räuber Urban und die Urbenschanze"), sowie von der mutigen Dienstmagd aus der Lindauer Mordmühle ("Die Mordmühle bei Lindau") und über die Räuberhöhle bei der "Kalten Linde".
Andere Sagen knüpfen sich an Bildstöcke (Obernfeld, Tiftlingerode), Wallfahrtsorte (Germershausen, Breitenholz, Hagis, Etzelsbach), an die Klöster Gerode, Reifenstein und Teistungenburg, versuchen zu erklären, wie Heiligenstadt, Worbis und Uder zu ihren Spitznamen gekommen sind und berichten von einer weißen Frau, die ein bitterarmes Ehepaar und dessen reiche Kinderschar mit einem Beutel voller Goldstücke beglückt ("Die weiße Frau bei der Roten Warte"). Andererseits werden reiche Schlossherren und Ritter als finstere, verschlossene, geizige und hartherzige Menschen hingestellt, die letztlich ihrer gerechten Strafe nicht entgehen ("Graf Isang und der Seeburger See", "Burg Greifenstein").
Ein "Meisterstück" gelingt dem Schweinehirten des Gutes Eibingen, der seinem Herrn eines Abends eröffnet, alle ihm zur Hut anvertrauten Schweine, die er inzwischen schwanzlos an einen Händler aus dem Harz verkauft hatte, seien in einer morastigen Wiese versunken. Nur die Schwänze der Tiere, nachträglich vereinzelt in den Boden gesteckt, seien noch zu sehen ("Die bei Eibingen versunkene Schweineherde").
Abschließend soll auf die Teufelssagen verwiesen werden, denn der Teufel erscheint hier schlechthin immer als Verkörperung des Bösen, während wir ihn aus Märchen eher als den Dummen kennen, den man gern überlistet. Dem Teufel verdanken es die Duderstädter, dass sich das Wahrzeichen ihrer Stadt, der Westerturm, mit seinem schraubig verdrehten Helm noch immer den erstaunten Betrachtern präsentiert ("Der Teufel auf dem Westerturm"). Ein geiziger und geldgieriger Schmied verschreibt sich dem Bösen in der Absicht, seine eiserne Truhe mit noch mehr Gold- und Silberstücken zu füllen, darf sich aber nicht lange über seine angehäuften Reichtümer freuen, da ihn der Teufel nach Jahr und Tag in sein Reich holt ("Der Dorfschmied in Gernrode").
Dr. Helmut Godehardt
Breitenholz, im Januar 2005